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Renaissancegärten
Die Wiederentdeckung der Antike, ihrer Schriften und ihrer Kunstwerke sowie die neue humanistische Denkweise prägten das Zeitalter der Renaissance. Die Wurzeln der europäischen Gartenkunst der Neuzeit liegen in Italien und gründen auf der Wiederbelebung der antiken Gartenkunst, die bereits im 14. Jahrhundert einsetzte. Im Laufe des 15. Jahrhunderts entwickelte sich in Italien die sog. Villegiatura, eine Kultur der Villen und des Landlebens, das man nach antikem Vorbild zur Erholung ebenso wie zum gelehrten Studium nutzen wollte. Das Zentrum der Gartenkunst war zunächst das Florenz der Medici, wo Cosimo de Medici, ein Mann von großer humanistischer Bildung, eine neuplatonische Akademie gründete, deren Mitglieder sich in seiner Villa in Careggi trafen. Der dortige Garten stand somit in der Tradition griechischer Akademiegärten, in denen man sich zu gelehrtem Gespräch traf, diskutierte und lustwandelte. Die zahlreichen Villen der Medici, die in näherer und weiterer Umgebung von Florenz entstanden, sind weitgehend noch erhalten, ihre Gärten jedoch wurden im Laufe der Jahrhunderte stark überformt. Wieder sind es Zeugnisse aus Literatur und Kunst, die ein Bild des Gartens der Frührenaissance vermitteln. Haus und Garten sollen eine Gesamtheit bilden und durch Loggien und Terrassen eng miteinander verbunden sein. So überrascht es nicht, dass es von nun an bis ins 18. Jahrhundert hinein zumeist Architekten waren, die Pläne für Gärten entwarfen, um sie dann von Gärtnern ausführen zu lassen. Als gegenüber dem Mittelalter neue Schmuckelemente nennt Alberti mit Wein bewachsene Pergolen auf Marmorsäulen und kunstvoll angelegte Grotten, die über Italien hinaus eine bedeutende Rolle in der Gartenkunst der Renaissance spielen sollten. Neu waren auch die aus Lorbeer-, Zitronen-, und Wacholderbäumen geformten und geschnittenen Figuren. Anders als im Mittelalter waren die Gärten nun von einem strengen Raster aus sich kreuzenden Wegen durchzogen. Dieses strenge Ordnungsprinzip spiegelt die mathematischen und perspektivischen Studien der Frührenaissance wieder, die die Grundlage der neuen, von der antiken Architektur beeinflussten Baukunst bildeten. Die kleinste Einheit ist hierbei das Quadrat. Gemüsegärten und Baumgärten waren ebenso regelmäßig angelegt wie die Zierbeete in der Nähe des Hauses. Die Baumgärten waren zudem in exakten Reihen gepflanzt, vorzugsweise nach dem der Antike entlehnten Pflanzschema des Quincunx, einem Raster, das der Fünfzahl auf einem Würfel entspricht. Die Pflanzungen zeichnen sich durch einen regelmäßigen Schnitt aus, der die Bäume auf ein einheitliches Höhenmaß und eine gleichmäßige Ausformung ihrer Kronen trimmte, wobei Ecken und Schnittpunkte durch höhere und andersfarbige Laubbäume markiert werden konnten. Die von Kräuterhecken oder niedrigen Lattenzäunen eingefassten Blumen- und Kräuterbeete, die sog. Kompartimente wurden nochmals durch ein Wegekreuz unterteilt, das von Laubengängen überschattet und am Kreuzungspunkt von einem Pavillon markiert werden konnte. Ihre Binnenzeichnung bestand aus kleinteiligen, komplizierten geometrischen und flächigen Mustern, die aus niedrigwachsenden Kräutern oder Buchsbaum gebildet wurden, aus denen einzelne langstielige Blumen aufwuchsen. Majoran, Ysop, Minze, Thymian, Lavendel und andere Duftkräuter bildeten die grüne Folie für in Europa bereits seit den Kreuzzügen heimische Blumen wie die Lilien, Rose, Iris oder Nelke, später auch für neue, aus fremden Ländern eingeführte Pflanzen, wie Hyazinthe, Anemone und Ranunkel und v. a. die Tulpe. Die Entdeckung neuer Länder und Kontinente und die Zunahme von Handels- und Forschungsreisen in ferne Länder förderten ein neues und kostspieliges Hobby für Gartenbesitzer, das Sammeln seltener Pflanzen. Innerhalb von nur 100 Jahren gelangten seit der Renaissance genauso viele neue Pflanzen nach Europa wie in den vorangegangenen 2000 Jahren. Die Renaissance hat die Geschichte der Gartenkultur ebenso wie alle anderen Bereiche der Kunst und der Wissenschaften wesentlich geprägt. Der von Mauern umfriedete und vor Blicken geschützte mittelalterliche Garten mit seinen Blumen, Kräutern und symbolträchtigen Gewächsen, der Damen oder Mönchen vorbehalten war, entspricht nicht mehr der gesellschaftlichen Entwicklung und dem neuen Wohlstand, den der Aufschwung des Warenverkehrs hervorgebracht hat. Festungen werden zu Palais umgewandelt, die Fürsten verlassen ihre finsteren Stadtpaläste, und ein jeder sucht sich eine den Vergnügungen gegenüber aufgeschlossenere, heitere Lebenswelt zu gestalten. Für die Renaissancegärten werden Mauern niedergerissen. Ausblicke auf die freie Natur eröffnet. Antike Statuen werden in Szene gesetzt, Wasserspiele in bunter Vielfalt arrangiert. Blumenfelder erobern die nun auf gleiche Höhe mit dem Grund gebrachten Parterres, Bäume werden zu halbrunden oder eckigen Nischen gestutzt. Die Natur scheint ein Baukasten, aus dem sich jeder ganz seinen persönlichen Vorlieben entsprechend bedient. Die Architekten bildeten neue Vorstellungen hinsichtlich Proportion und Perspektive aus: Haus und Garten wurden zu einer Einheit und verbanden sich in einer für das wilde Mittelalter unvorstellbaren Weise mit der Landschaft. In dieser Zeit der „Wiedergeburt“ von Idealen der antiken Vergangenheit gewann der Mensch wieder Sinn für die Natur und seine eigene Rolle in ihr. Der Garten wurde zum Aufenthaltsort für ein „Leben im Freien“, für gesellige Vergnügungen und philosophische Gespräche. Im Zuge ihrer Ausbreitung, zuerst in Italien und dann im ganzen nördlichen Europa, passten sich diese neuen Ideen den unterschiedlichen Landschaften und vorhandenen Architekturstilen an. Im 16. und 17. Jh. nahmen die schlichten Renaissanceformen barockere Züge mit mehr Bewegungsfluss und Linienführung an. Im flachen, bewaldeten Nordfrankreich entwickelten die Gärtner ein herrschaftlicheres Verhältnis zur Natur, weil die Fürsten ihre Macht demonstrieren wollten. Anders als die Gärten des Mittelalters sind viele der größten Renaissancegärten heute noch vorhanden: Das Studium der westlichen Gartengeschichte kann hier also „vor Ort“ stattfinden. Unter allen innovativen Perioden des Gartenbaus ist keine, die aufregender wäre. Die von den Planern der Renaissance eingeführten Prinzipien einer Geometrisierung des Raums stellen eine klassische Formel dar, die ungeachtet des gewaltigen Wandels in Technik und Materialien heute noch so gültig sind wie im Jahre 1500. Selbst Planer, die jeden „Formalismus“ verabscheuen, greifen häufig auf Formen der Raumgestaltung aus der Renaissance zurück Mittels neu gefundener mathematischer Regeln und linearer Perspektiven schufen die frühen Baumeister der Renaissance Gärten, in denen Natur und Kunst zusammenwirkten. Beim Renaissancegarten ging es um die Gestaltung des Raums. Die spezifische geometrische Grundform bildete eine Zentralachse, die vom Mittelpunkt des Hauses ausging und von einer Reihe Querachsen geschnitten wurde. Auf diese Weise ließen sich verschiedene Gartenräume und an- oder absteigende Terrassen schaffen. Die Sichtlinie der Zentralachse erstreckte sich zur Zeit der großen barocken Gärten des 17. Und 18. Jh. über die das Haus umgebende Gartenanlage hinaus in „wildere“ Gehölze und Haine draußen in der Landschaft oder, wie im Fall der französischen Gärten, in den tiefen Wald hinein, wo sie bei irgendeinem natürlichen oder künstlichen Blickfang am Horizont endete. Die frühen Renaissancegärten wurden durch Pergolen oder Hecken in ein perspektivisch organisiertes Rechteckschema unterteilt. Es gab Baumreihen und Formschnittelemente. Kenntnisse der Mathematik und des Zusammenhangs zwischen Standort und Perspektive waren für die Anlage von Gärten ebenso wichtig wie für Architektur und Malerei. Architektonisch setzte der Garten das „Drinnen“ nach „Draußen“ fort. Die ganze Renaissance hindurch dienten die Gärten dem Zeitvertreib und dem Vergnügen, auch wenn sie oft zugleich die Funktion von Kunstgalerien und Museen erfüllten. Die frühen Humanisten interessierten sich im Zuge ihres Studiums der klassischen antiken Bildung, Literatur und Geschichte auch für antike Gartenanlagen. Sie liebten die Natur und die Gärten, in denen sie eine ideale Stätte für philosophische Gespräche und musikalische Unterhaltung sahen, einen Ort der seelischen Erbauung. Die Grundelemente des Renaissancegartens waren immergrüne Pflanzen, Mauerwerk und Wasser – relativ beständige Materialien. Es gab dunkle Stechpalmen- oder Zypressenhaine – in Castello war ein runder Zypressenhain als Labyrinth angelegt -, Weinlauben, Laubengänge und Formschnitt, dazu das Mauerwerk der Terrassen, Treppen, Skulpturen und Pavillons. Aus Höhlen wurden Grotten, während Wasser stille Tümpel bildete, in Kaskaden herabstürzte oder als Springbrunnen emporschoss. Baumhäuser, künstliche Hügel oder Blumenbeete in Form von Mustern waren Teil dieser Naturgestaltung. Wasser war das Element, das den Renaissancegärten Lebendigkeit, Bewegung und Klang verlieh. Es belebte die steinerne Architektur und das düstere Immergrün; seine Verwandlung aus träge rauschenden Bächen in laute, sprudelnde Springbrunnen legte Zeugnis ab von der Macht und Herrlichkeit des Gartenbesitzers. Dank der technischen Fortschritte in der Hydraulik wurden Wasserorgeln und Wasserspiele beliebter als je zuvor. Wasser wurde genutzt, um an Mauern herunter zu rinnen, Sitzbereiche zu überspannen oder mit seinen glitzernden Tropfen eine Pergola zu bilden und Musik oder Vogelgezirpe zu imitieren. Es diente aber auch für Späße. Versteckte Wasserstrahlen überraschten nichts ahnende Besucher, die beim Fluchtversuch gleich noch einmal besprüht wurden. Brunnen, Nymphäen und Grotten waren wichtige, symbolbefrachtete Elemente. Nach klassischen Vorbild symbolisierte die Statue eines Flussgottes mit einer Urne, aus der sich Wasser ergoss, die Quelle eines Stroms. Wie die ganze Geschichte hindurch dienten auch in der Renaissance Naturphänomene als Vorbilder für Formen der Gartengestaltung. Grotten sollten Höhlen im Urzustand darstellen, eine zwar von Menschenhand bearbeitet, aber noch vom Geheimnis des Unterweltlichen umwitterte Natur. Wie Wildwuchs im Garten den wilden Wald imitierte, so ahmten Kaskaden und Brunnen natürliche Bergbäche und Quellen nach. Um ihre Einfälle ins Werk zu setzen, mussten sich die Wasserbauer der Renaissance manchmal in antike Quellen vertiefen und die Werke von Archimedes, Aristoteles und Hero von Alexandrien studieren. Sie interessierten sich nicht nur für die Bewässerung und wassertechnische Verschönerung von Gärten, sondern auch für die Ent- und Bewässerung größerer Landstriche. Anhand von Beschreibungen und zeitgenössischen Bildern lässt sich die Bepflanzung der Renaissancegärten identifizieren. In der Anfangszeit unterteilten niedrige Mischhecken aus Myrte, Buchsbaum, Lavendel und Rosmarin die Gärten, während Mitte des 16. Jh. Häufiger ausschließlich Buchsbaumhecken verwendet wurden. Für höhere Hecken standen Mandel-, Aprikosen- und Quittenbäume zur Verfügung wie auch Zitrus- und Granatapfelbäume, Myrte, Steinlorbeer und Jasmin, eine Mischung aus breitkronigen Bäumen und dichtem Gesträuch. Die Mauern bedecken häufig Spalierpflanzen, und in den frühen Gärten waren „“grüne“ Laubengänge verbreitet, die Ausblicke kanalisierten oder kaschierten. Zitruspflanzen konnte man als Spalier an Mauern ziehen oder in Töpfen pflanzen und im Winter in einem stanzone (Wintergarten) unterstellen. Die Pflanzen in den Blumenbeeten waren die altbekannten. Erst Anfang des 17. Jh. tauchen neue Arten – wie Tulpen, Narzissen, Anemonen und Hyazinthen – auf, und dann hauptsächlich in den Beeten botanischer Gärten oder in den Gärten reicher Sammler. Oft wurden sie wie in einem Museum dargeboten und nicht als Teil eines lebendigen Gartens. Auf diese Neuheiten aus der Levante, Zwiebelgewächse, die im Frühling blühten, folgten in Sommermonaten vielleicht mexikanische Tuberosen, Hahnenkamm, Tausendschön, Sonnenblumen und Wunderblumen. Bis zur Mitte des 16 Jh. Gab es bereits „Grundrezepte““ für Blumenbeetmuster, die auf geometrischen, in der Hauptsache quadratischen Einteilungen basierten. Im Gefolge der Renaissance erlebte die Beziehung zwischen Mensch und Pflanze eine tief greifende Wandlung. Lange bevor die Pflanzen in den Gärten Einzug hielten, begannen sie das Leben der Menschen zu verändern. Neue Berufe entstanden: Botaniker erforschten und beschrieben die Pflanzen, Schriftsteller und Drucker verbreiteten dieses Wissen, Künstler machten sie zum Objekt ihrer Bilder, Pflanzensammler spürten sie auf, Pflanzenzüchter vermehrten sie, und ganze Heerscharen von gewöhnlichen Gärtnern zogen und pflegten sie. Einzelne Sammler der Renaissance kombinierten sogar mehrere dieser Aufgaben mit einer Karriere als Arzt, Diplomat oder Gelehrter. Sammler und Kenner aus allen Schichten des Volkes erlagen der Leidenschaft für Pflanzen: was teilweise zu wahrhaft dramatischen Ereignissen führte. So wurden in den Niederlanden ganze Familien Opfer des so genannten Tulpenfiebers und in den Ruin getrieben. In fernen Ländern fielen Pflanzenjäger Piraten oder der Pest zum Opfer. An anderen Orten wiederum verlief die Geschichte viel weniger Aufsehen erregend. Heute pflanzen wir Blaukissen und Fuchsien, Lobelien, Levkojen und Indianernessel, Robinien und Dreimasterblume in unseren Gärten.
Italienische Gärten der Hochrenaissance Die unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Strukturen der Städte und Stadtstaaten in Italien bedingten die Ausformung unterschiedlicher Villen- und Gartentypen, die sich v. a. im jeweiligen Stellenwert der landwirtschaftlichen Nutzung der Güter zeigt. Grundsätzlich wurden die drei Typen der antiken Villa rezipiert: Der Palazzo in der Stadt mit kleinem ummauerten Garten (villa urbana), die nahe der Stadt gelegene Villa (villa suburbana) für den kurzen Aufenthalt und ohne Landwirtschaft, sowie das Landgut (villa rustica), das Ziergärten mit ausgedehnten landwirtschaftlichen Ländereien verband. Darüber hinaus gab es aber auch Mischformen. Die wohlhabenden venezianischen Adelsfamilien beispielweise besaßen neben ihren engen Stadtgärten in der Lagunenstadt ausgedehnte Landgüter auf der terra ferma, dem Festland zwischen Padua und Venedig. Obwohl hier die Gestaltung von Lustgärten zugunsten der notwendigen landwirtschaftlichen Versorgung in den Hintergrund trat, wurden die erbauten Villen zu einem der wichtigsten Vorbilder für die Anlage eines Lustschlosses auf dem Lande, der sog. Maison de Plaisance, die die europäischen Schlossarchitektur bis ins 18. Jahrhundert hinein beeinflusste. Eine weitere Sonderstellung nahmen die Gärten und Villen in Rom und Latium ein. Päpste und Kardinäle, als die wichtigsten Bauherren, stammten oft aus anderen Gegenden Italiens und verfügten bereits dort über Landgüter, die ihre Versorgung garantierten. Wie schon die römischen Kaiser ließen sie sich sowohl in Rom als auch in den fernen Hügeln bei Frascati und Tivoli Villen erbauen, deren prachtvolle Gärten ausschließlich dem Aufenthalt in ländlicher Freiheit und Muße dienten.
10.08.2010, 06:36 von kleingadmin |
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